Hartmut Kiewert | Ruine IV

Ruine IV von Hartmut Kiewert in der Bildbetrachtung

Mit dem Herbst verbinden viele Menschen in erster Linie ein Gefühl der Ruhe. Der Sommer ist vergangen, nach dem Trubel und der Hitze folgen nun kühlere Tage. Vor allem, wenn es regnet können wir die Stille genießen. Die Landschaft mit all ihrem Leben begibt sich in einen vorwinterlichen Dämmerzustand. Golden ist der Herbst, zumindest bunt und manchmal auch ein wenig grau. Zeit für Begegnungen, Zeit für Besinnung, Zeit für eine ganz besondere Bildbetrachtung. Es geht um das Gemälde „Ruine IV“ von Hartmut Kiewert. Es fällt mir leicht, mich auf dieses Motiv einzulassen, mich darin zu versenken, denn es ist ein zutiefst hoffnungsvolles und tröstendes künstlerisches Arrangement, welches mich zutiefst bewegt.

Die Sache mit den Ruinen

Ruinen haben die grundlegende Eigenschaft, dass sie verfallen. Manchmal möchten Menschen jedoch, dass Ruinen als Mahnmale erhalten bleiben, Sie sollen mahnen und damit zugänglich bleiben für eine (nicht selten) äußerst bedrückende Reise in die Vergangenheit. Die Ruine IV auf dem Gemälde von Hartmut Kiewert wird es ganz offensichtlich nicht mehr lange geben, denn sie befindet sich wohl schon länger im Verfallszustand. Die Bäume auf dem Gelände sind bereits höher gewachsen und frischer Bewuchs wird bald überall sein.

Auf den ersten Blick wandeln die Tiere da ungezwungen auf herbstlichen Pfaden, so gänzlich ohne Angst vor Schmerz und Tod. Denn um diese Angst auslösen zu können fehlen im Bild die Menschen, welche diese Mord-Fabrik betreiben. Das Markante ist hierbei, dass in diesem Bild die Abbildung jedes Menschen fehl am Platz wäre, da man nie wüsste was er im Schilde führt im Anbetracht dieser Ruine. Eine Ruine übrigens, die auch ohne den Firmennamen sofort als das erkennbar ist, was sie nun einmal war. Eine Fabrik des Todes.

Menschenwerk

Die Menschen, so scheint es mir, sind beschämt geflüchtet von diesem Ort des Grauens, der jetzt herbstlich still und voller Frieden ist. Wünsche mir, dass in einer nahen Zukunft überhaupt nichts mehr von dieser Ruine übrig bleibt. Die weiteren möglichen Deutungen sind vielfältig: Die Tiere im Gemälde von Hartmut Kiewert haben offenbar vergessen, was geschah. Ob sie jemals verzeihen können, bleibt fraglich. Möglich ist aber auch das gegenteilige Szenario, nämlich dass die Tiere etwas suchen oder sich erinnern an all das Leid, was geschah, denn eine Kuh (die hintere) verharrt, während die anderen beiden zum Tor hinausgehen. Das Kleine in der Mitte ist vielleicht das Kind der beiden Anderen? Der weitere Gedanke liegt nahe, dass es also auch eine Familie sein könnte. Eine Familie bei der Betrachtung einer Ruine in der unendliches Leid an ihresgleichen geschah.

Das Rot wird blasser

Auf den zweiten eindringlichen Blick erkenne ich einen Zusammenhang zwischen dem herbstlichen Rot der Bäume, überhaupt der kompletten rötlichen Einfärbung des Bildes, und dem aus tausenden gequälten und getöteten Leibern geflossenen Blut. Mit Hoffnung verbinde ich jedoch auch hier, dass das Rot zum Bildvordergrund hin blasser wird. Ganz vorn ist die Farbgebung fast golden. Gehen wir mit den Tieren also in eine goldene Zukunft? Eine Zukunft ohne Leid, Schmerz und Tod? Bei diesem Gedanken möchte ich gerne verweilen. Er ist einfach zu wundervoll um nur eine Momentaufnahme einer Bildbetrachtung zu sein.

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt. (Mahadma Gandhi)

Wohin schaust du?

Auffallend ist auch, dass das Schild mit dem Firmennamen „Westfleisch“ wie ein Hinweispfeil auf die vorderste Kuh deutet. Die Diskrepanz zwischen diesem Begriff und dem fühlenden Wesen könnte nicht größer sein. Das Tier schaut nach vorn links. Was sieht es da? Möchte es uns sagen: Hilf mir, bitte verlass mich nicht, verlass mich nie, auch wenn diese Tore im Bild jetzt imaginär geöffnet sind?

Ich möchte hier persönlich dem Künstler Danke sagen für ein großes Kunstwerk, welches Hoffnung gibt in einer schweren Zeit, die ich die Zwischenzeit nennen möchte, da ich eine reale Chance sehe, dass Utopien nicht Illusionen bleiben müssen.

Webseite von Hartmut Kiewert

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